Der
mittelalterliche Altar der Waldecker Stadtkirche ist das älteste
Schnitzaltarbild im Waldecker Land.
Am 16. Mai 2002 wurde das vorreformatorische Altarbild nach dreijähriger Restaurierung im Hessischen Landesamt für Denkmalpflege in Wiesbaden an seinem bisherigen Standort in der Ev. Stadtkirche Waldeck wiederaufgestellt.
Zu diesem Anlass hat der Kirchenvorstand Waldeck die vorliegende Dokumentation zum Altarbild für alle Gemeindeglieder und Kirchenbesucher zusammengestellt, um die Bedeutung des vorreformatorischen Erbes für die Kirchengemeinde der Öffentlichkeit vorzustellen.
Die Kirchengemeinde dankt dem Landesamt für Denkmalpflege Hessen und der Landeskirche von Kurhessen-Waldeck sehr herzlich für die Bereitstellung der Mittel in Höhe von ca. 100.000,- Euro für die Restaurierungsmaßnahmen.
Auch danken wir dem Künstler Michael Fieseler sehr herzlich für die freundliche Leihgabe seines modernen Altarbildes, mit dem die Kirchengemeinde 3 Jahre eine ansprechende Übergangslösung finden konnte.
Wir freuen uns, dass nach erfolgtem Einbau einer neuen Kirchenheizung die Bedingungen für die Rückkehr des mittelalterlichen Kulturerbes christlicher Kunst geschaffen werden konnten.
PETER
UNGLAUBE
Liebe Gemeinde in Waldeck,
Ihre Stadtkirche beherbergt
jetzt wieder einen wahren Schatz, den restaurierten Marienaltar aus dem späten
15. Jahrhundert. Sicher hat er auch einen finanziellen Wert, aber dazu kann und
will ich nichts sagen. Viel interessanter finde ich den Reichtum an Geschichten,
der in einem solchen Werk christlicher Kunst steckt. Es zeigt, was die Menschen
gedacht, und geglaubt haben, die an seiner Entstehung beteiligt waren.
Diese Hinweise sind verborgen
in Bildern, die heute rätselhaft erscheinen. Die Figuren und Gemälde haben sich
zwar über ein halbes Jahrtausend fast unverändert erhalten, aber ihre
verbindende Geschichte muss erst wieder entdeckt werden.
Für Ihren Marienaltar beginnt die Spurensuche
im Edersee, der auch das frühere Chorfrauenstift Berich überflutet hat. Von dort
wurde der Auftrag für den Altar erteilt und so eine neue Form der Frömmigkeit
ausgebreitet. Ihre Spur führt in den niederländischen Raum.
Im Spätmittelalter kamen von
dort Ansätze für ein Vertiefen in den christlichen Glauben, das die Ordenshäuser
erfassen und über sie hinaus wirken sollte. Durch die Stiftsfrauen von Berich
flossen diese Gedanken auch in Ihren Altar ein.
Daher ist
Entstehung
Nachweislich 1483 wurde die Kirche Waldeck
mit einem vierten Altar, einem Marienaltar, ausgestattet, so dass dieses Jahr
als das früheste seiner Entstehung angesehen werden kann.
Der Schnitzaltar mit gemalten Flügeln stellt die Krönung der Maria durch die Dreieinigkeit dar. Die Verehrung der Mutter Jesu war im Spätmittelalter weit verbreitet.
Als Himmelskönigin und Gottesgebärerin war sie die weitaus beliebteste Heilige der Zeit. In ihr sah man die einflussreichste Fürsprecherin im Jüngsten Gericht und gleichzeitig im Blick auf die irdischen Gefahren die verlässlichste Schutzpatronin. Ihr zu Ehren wurde das Altarbild von der Äbtissin des Bericher Klosters, Margarete Huhn, die zwischen 1460 und 1499 nachzuweisen ist, gestiftet.

Skulpturen/Marienkrönung
In der Schreinmitte kniet Maria. Christus ist zu ihrer Linken und Gottvater zu ihrer Rechten sitzend. Gottvater hebt seinen rechten Arm als Krönungsgestus über Marias Haupt. In seiner linken Hand trägt er die Weltkugel. Auch Christus hält eine Weltkugel in seiner rechten Hand. Seine linke Hand ist verloren. Das schnitzerische Beiwerk als Hintergrund der Szenerie sowie Krone und Taube sind verloren. Erhalten ist eine geschwungene Leiste, die den Thron andeutet.
Die Frontseite der Predella besteht aus zwei in einer Nut laufenden Schiebebrettern.
Ihr Innenraum konnte als Aufbewahrungsort für Heiliges Gerät (Abendmahl) benutzt werden.
Das Bild der Predella zeigt Christus mit den zwölf Aposteln, die ihre Attribute in den Händen tragen. Von links nach rechts: Philippus mit Kreuzstab, Jakobus der Ältere mit Pilgerstab, Andreas mit Schrägbalkenkreuz, Judas Thaddäus mit Keule, Johannes mit Kelch und Schlange, Petrus mit Schlüsseln, Christus mit der Weltkugel, auf der ein Kreuz angebracht ist, Paulus mit Schwert und Buch, Bartholomäus mit Messern, Jakobus der Jüngere mit Walkerstange, Simon Zelotes mit Säge, Thomas mit Lanze und Buch und Matthäus mit dem Beil.
Flügelinnenseiten:
Die Flügelinnenseiten zeigen Darstellungen aus dem Marienleben. Die Gemälde sind in drei Ebenen aufgebaut: Die Szenen sind in einem Innenraum angesiedelt, dahinter Landschaften, die von goldgravierten Himmeln überwölbt sind.
Linker Flügel innen:
Die Verkündigung an
Maria
Links kniet Maria hinter einem Betpult. Sie hält die Arme vor der Brust gekreuzt. Rechts ist der Erzengel mit gebeugtem Knie, der seine rechte Hand zum Gruß erhoben hält, abgebildet. In der linken unteren Ecke ist die Stifterfigur Margarete Huhn mit ihrem Wappen dargestellt.
Im geöffneten Betpult sind verschiedene Gegenstände zu erkennen: Ein Buch, eine Karaffe, ein Tintenfass mit Federmäppchen und ein Blatt Papier. Der Innenraum ist durch eine horizontal geöffnete Mauer umrahmt. Dahinter beginnt die hügelige Landschaft mit angedeuteter Stadtansicht. Darüber der gravierte, goldene Himmel.
Rechter Flügel innen:
Anbetung der Könige
Rechts sitzt Maria mit dem Christuskind auf ihrem Schoß. Links befinden sich die Heiligen drei Könige mit prächtigen Gewändern. Im Vordergrund kniet Balthasar, seinen Hut mit Krone zu seinen Füßen. Er hält Christus die mit Gold gefüllte Schatulle hin, der in diese hineingreift. Melchior steht links außen mit seinem Myrrhe, neben ihm Kaspar mit dem Weihrauchbottich. Auf der rechten Seite sieht man Teile der Stallruine, die durch ein Fenster den Blick auf eine hügelige Landschaft freigibt, welche sich links neben der Mauer fortsetzt. Wie auch beim linken Flügel ist hier der gravierte, vergoldete Hintergrund.
Flügelaußenseiten:
Linker Flügel außen:
Zwischen Kreuz und
Höllendrachen
Der linke Flügel zeigt auf seiner Außenseite
das Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen in einer seltenen „katechetischen“
Darstellungsart.
Im Vordergrund ist ein aufwendig gestalteter Höllenschlund zu sehen, der die Treppe mit den Jungfrauen trennt. Die perspektivisch verjüngte Treppe endet mit dem Kruzifix. In dem dargestellten Innenraum stehen auf der linken Seite, entlang der Wand die fünf klugen Jungfrauen, auf jeweils einer Treppenstufe. Sie tragen farbenfrohe, jedoch schlichte Gewänder. Ihre unbedeckten Häupter sind mit Lorbeeren bekränzt. In ihren Händen tragen sie die brennenden Öllampen. Ihnen gegenüber stehen die törichten Jungfrauen. Ihre Kleidung ist nicht so farbenfroh, jedoch aufwendiger gestaltet. Auf den Köpfen tragen sie weiße Hauben. Sie weinen und schütten Ölreste aus ihren erloschenen Lampen. Sie können dem erwarteten Bräutigam nicht entgegen gehen.
Auf die Stufen zwischen Kreuz Christi als Zeichen des Heils und dem Höllendrachen als Zeichen ewiger Verdammnis gestellt, mahnen die beiden Frauenreihen, dem Leben das rechte Ziel zu geben und die Stufen zum rettenden, leben-verheißenden Herrn hinaufzusteigen.Die Seitenwände des Raumes sind mit je zwei Fenstern versehen, die den Blick auf einen blauen Himmel freigeben
Rechter Flügel außen:

Darstellung der Heiligen Valentin und Ursula
Der Heilige Valentin ist im Bischofsornat zu sehen. In seiner linken Hand hält er den Bischofsstab. Zu seinen Füßen liegt der fallsüchtige Knabe. Die Heilige Ursula ist mit ihren Attributen Krone und Pfeil dargestellt. Die großformatig dargestellten Heiligen nehmen fast die Größe der Tafel ein. Sie stehen auf einem hellen, flächig gemalten, perspektivisch nach hinten verjüngten Boden.
Wachsamkeit ist nötig (Matthäus 25)
Vom Himmelreich erzählt Jesus folgendes Gleichnis:
Wenn Gott euch zu sich holen will in sein Reich, wird es euch ergehen wie zehn jungen Mädchen, die als Brautjungfern zu einer Hochzeit geladen waren. Am Abend begann das Fest. So nahmen sie Öllampen mit, um den Bräutigam zu erwarten, wenn er seine Braut heimführen würde. Fünf von ihnen hatten ihre Gedanken bei der Sache, fünf nicht. Die nahmen zwar ihre Lampen mit, aber kein Öl zum Nachfüllen. Die Klugen nahmen außer ihren Lampen auch Öl mit in ihren Kannen.
Als nun der Bräutigam einige Stunden ausblieb, wurden sie alle müde und schliefen ein. Mitten in der Nacht aber gab es plötzlich ein Geschrei: „Er kommt! Der Bräutigam! Auf! Ihm entgegen!“ Da standen die Mädchen alle auf und schmückten ihre Lampen. Die Törichten aber wandten sich an die Klugen und baten: „Gebt uns von eurem Öl, unsere Lampen verlöschen!“ Die wehrten sich: „Unmöglich! Dann reicht es weder für euch noch für uns! Lauft und holt euch Öl beim Händler!“
Während die fünf unterwegs waren, um Öl zu kaufen, kam der Bräutigam. Die bereit waren, gingen mit ihm in den Festsaal, und die Tür wurde verschlossen. Später kamen auch die anderen fünf und riefen: „Herr! Herr“ Mach auf!“
Der aber gab die Antwort: „Ich weiß nicht, wer ihr seid! Ich kenne euch nicht!“
Darum seid wach! Ihr wisst weder Tag noch Stunde
Kruzifix
Es
handelt sich um ein Dreinagelkruzifix.
Das Lendentuch ist auf der linken Seite üppig
geknotet. Kreuzstamm und Querbalken enden in Vierpässen, mit den Darstellungen
der Evangelistensymbole. Oben der Adler (Johannes), unten der Stier (Lukas),
links der Engel (Matthäus) und rechts der Löwe (Markus).
Der Kreuztitel (INRI) ist als Schriftband mit eingerollten Enden dargestellt.